Die Kunst des Trockenmauerbaus

Die Kunst des Trockenmauerbaus

Das materielle und das immaterielle Erbe als Art und Weise der Wahrnehmung der Kultur und des Brauchtums eines Landes – das sind die Brennpunkte auf dem Weg der Anerkennung geschichtlicher und gesellschaftlicher Umstände, die eine Kulturidentität prägen. Der jahrzehntelang ungerechterweise in den Hintergrund gestellte traditionelle Bau der Trockenmauer, beziehungsweise die gesamte ortstypische Architektur, die Bauweise ohne Verwendung von verbindenden Materialien, also trocken, ist ein Bestandteil jeder gepflegten Landschaft an allen Küsten des Mittelmeerraums.

 

Jedoch wurde dieses materielle Erbe lange Zeit als niederwertig erachtet und von jeglichem öffentlichen oder wissenschaftlichen Diskurs ausgenommen und somit auch nie richtig bewertet. Ganz und gar zu Unrecht, denn in diesem gesamten Raum, ungeachtet der Meere, Grenzen und Kulturen, haben fleißige Hände, die dem Karstgebiet Stein für Stein entrissen, wunderschöne Strukturen gebildet und nicht nur Siedlungen, sondern auch ganze Steinlandschaften geschaffen, aus denen viele europäische Kulturen hervorgingen.

Kažun
Zoran Jelača

Aus diesem Grunde ist die Aufnahme der Trockenmauer in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes ein außerordentlich bedeutender Schritt zur Erhaltung dieser Tradition, denn, obgleich es unmöglich ist, alle Trockenmauern, Steingebilde und ummauerte Weingärten unter Naturschutz zu stellen, ist es zwingend notwendig, dass wir dieses über Jahrhunderte hinweg perfektionierte Wissen erhalten und an zukünftige Generationen weiterreichen. Die Fertigkeit des Anlegens von Trockenmauern, die jeder Feldarbeiter beherrschen konnte und musste, wurde von Generation zu Generation weitergegeben, jedoch ohne materielle Aufzeichnung, was sich als entscheidend erwies, als diese Kontinuität in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unterbrochen wurde.

 

Gerade durch den Einsatz der Vereinigung 4Grada-Dragodid und mehrerer Einzelpersonen und Einrichtungen wurde die Fertigkeit des Trockenmauerbaus im Jahr 2016 eingehend untersucht und als immaterielles Kulturgut Kroatiens geschützt. Im folgenden Jahr erkannte der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO auf Grund eines gemeinsamen Nominierungsantrags Kroatiens, Zyperns, Frankreichs, Griechenlands, Italiens, Sloweniens, Spaniens und der Schweiz die außerordentliche Bedeutung dieser Tradition an und stellte sie Ende des Jahres 2018 endlich als Weltkulturerbe unter UNESCO-Schutz.

 

In einer Zeit, in der jede Spur in der Geschichte an der Zahl an Megabytes gemessen wird, wird es sehr wichtig, dass sich Bauten wie die Trockenmauer intuitiv entschlüsseln lassen, dass man ihre Struktur und ihren Zweck entdeckt, die durch Riten und Bräuche diktiert wurden, die viele Generationen weit von uns entfernt sind.

Denn die Simplizität und gleichzeitig vollkommene Funktionalität dieser Bauwerke des traditionellen Bauerbes, wie auch die ökologische Komponente, sind heute gleichermaßen wichtige Anforderungen, die an die moderne Gesellschaft und ihre Architekten gestellt werden, und die nachhaltige Ressourcennutzung, die schon lange vor uns praktiziert wurde, jetzt natürlich den heutigen Gegebenheiten angepasst, ist die einzige Art und Weise des Fortbestands heutiger und zukünftiger Generationen.